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Am
1.Dezember 1935 kam Woody Allen im New Yorker Stadtteil Brooklyn, genauer
noch im Flatbusch Distrikt, zur Welt. Sein Elternhaus stand Ecke Avenue
K und 15. Strasse. In Brooklyn lebten damals einfache Arbeiter, kleine Angestellte,
jedenfalls Leute, die in der Zeit der Depression alle Mühe hatten,
ihr tägliches Brot zu verdienen.
In Wahrheit war Woody Allen in seine Kinderjahren weder scheu noch introvertiert.
Er war vielmehr ein ganz und gar durchschnittlicher Junge, mürrisch,
für seine Größe recht kräftig, ein halbgebildeter Streuner,
der sich aus Büchern und Lehrern überhaupt nichts machte. Er schwänzte
die Schule, trieb sich morgens um acht schon auf der Straße herum
und spielte die ganze Zeit Basketball oder Baseball.
Er konnte phantastisch mit Bällen umgehen, war flink, und trainierte
eine Weile Boxen im Sportklub. Er war sogar so talentiert, daß man
ihn sogar um die Ausscheidung zum höchsten amerikanischen Titel, dem
"Golden Glove" mitkämpfen ließ.


Mittags, wenn er nach Hause kam, zog er sich mit einem Comic-Heft zurück,
schaufelte Thunfischsandwiches oder Kuchen in sich hinein, spülte mit
ein paar Gläsern Milch nach und lief wieder auf den Sportplatz. Am
liebsten las er Superman, Batman und Mickey Mouse.
Walt Disney ist für ihn heute noch einer der größten amerikanischen
Künstler, vergleichbar nur mit einem El Greco. Abends saß er
vor dem Fernseher und verfolgte die Spiele der New York Giants,
der Dodgers und der St.Louis Cardinals. Ab und zu erwischten
ihn seine Eltern doch, wenn er versuchte, mit anderen Jungen auf der Strasse
ein Baseballspiel zu organisieren, und dann schlepten sie ihn hinüber
in die Midwood High School, gegenüber dem Brooklyn College. Er war
nur gut im Schreiben. Obwohl er nie büffelte, wurde seine Arbeiten
immer vorgelesen.
Wenn die
häufigen Sommergewitter den Distrikt gesäubert hatten, roch es
von überall her köstlich nach eingelegten Gurken und frischem
Sauerkraut. Wo die Flatbush Avenue, die bis zum Meer verläuft, die
Churchstreet kreuzt, konnte man "Levy´s jüdisches Roggenbrot"
kaufen. Es gab eine Menge koscherer Restaurants, wie zum Beispiel "Herzl´s",
die den Hausfrauen in der einfallsreichen Zubereitung von Kreplachs und
gefilte Fisch Konkurrenz machten. Am Sabbath waren im weiten Umkreis alle
Läden geschlossen. Man las den "Brooklyn Eagle", die Tageszeitung,
und die Jungen spielten auf der Parade Grounds Baseball, während die
kleinen Mädchen im Prospect Park ihre Puppen spazieren führten.
Als Woody Allen auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise zur Welt kam,
hieß er noch Allen Stewart Konigsberg. Erst mit 16 Jahren legte er
sich seinen Künstlernamen zu, der sich aus dem ersten Vornamen und
seinem Spitznamen "Woody" zusammensetzte. Der Vater nannte ihn
"Woody", weil er als kleiner Junge immer mit einem hölzernen
Kricketschläger herumgerannt war.

Woodys Eltern, Martin und Netty Konigsberg, mühten sich redlich, ihrem
Sohn ein vernünftiges Leben zu schaffen. Martin Konigsberg (geb. 1900,
gest. 2001) aus Brooklyn Nettie Cherrie (geb. 1908) aus der Bronx. Seine
jüdische Familie wanderte zur Jahrhundertwende aus Rußland ein,
ihre aus Wien. Die beiden lernten sich in Brooklyn auf einem Markt kennen
und heirateten 1931. Der Vater schlug sich mit Jobs durch. Er war vom Barkeeper
bei "Sammy´s Bowery Follies" in Manhattan zum Boten für
Wett-Gangster, und danach zum Juwelengraveur aufgestiegen, aber als Jude
blieben ihm nicht allzu viele Auswahlmöglichkeiten. So versuchte er
es zwischendurch immer wieder als Taxifahrer, Teppichhändler, Kellner.
Die Mutter war Buchhalterin in einem Blumenladen. Beide waren praktizierende
Juden. Ihre Wohnung in einem kleinen Holzhaus in Flatbush, 968 East 14th
Street, teilten sie immer mit Verwandten, so wuchs Woody Allen die ersten
sieben Lebensjahre in genau jenem Familiengetümmel auf, von dem er
später in Variationen erzählt. 1944 zog die Familie ein paar Blocks
weiter in die 114 East 15th Street, nach der Geburt der Tochter Letty in
die 114 East 15th Street, 1945-46 nach Far Rockaway, wo später Aufnahmen
für "Radio Days" entstanden und für ein halbes Jahr
nach Port Chester, fünfundzwanzig Meilen nördlich von Manhattan.
Danach zogen sie wieder nach Brooklyn und noch rund ein dutzendmal um, die
restliche Familie blieb jedoch immer in der Nähe oder sogar in der
gemeinsamen Wohnung. Anfang der 70er Jahre kaufte der Sohn seinen Eltern
ein Appartement in Manhattan und ein Winterhaus in Florida. . Seine wirkliche
Ausbildung erhielt Woody Allen nicht in der Schule, sondern in der Praxis
des Showgeschäfts. Oftmals ging er Freitag abends ins Flatbush Theater
und verließ es, abgesehen von kurzen Schlafpausen, erst am Sonntag
wieder. Er hatte immer Papier und Bleistift dabei, und wenn ihm ein Witz
gefiel, pickte er ihn heraus und schrieb ihn auf. Er fing mit Kartentricks
an, kaufte sich ein Buch über Magie, setzte sich in den Keller des
elterlichen Hauses und übte die halbe Nacht. Das war für ihn eine
ganz neue Erfahrung. Plötzlich konnte er etwas, was seine Freunde nicht
konnten. Die Tricks führte er als erstes immer seiner Schwester Letty
vor. Sie ist acht Jahre jünger als er, hat gleichfalls karottenrotes
Haar und ist ein stilles, bescheidenes Mädchen. Mit elf oder zwölf
Jahren fing er an, sich intensiv mit Musik, insbesondere mit Jazz, zu beschäftigen.
Er besorgte sich eine alte Klarinette und ein Sopransaxophon und fing zu
üben an.

Er
besuchte in New York City ein College und studierte kurze Zeit an der New
Yorker Universität. Bereits als 15- jähriger verfaßte er
kleinere satirische Beiträge für Zeitungen und Magazine wie "The
New Yorker". Allen erweist sich darin als gelehriger Schüler des
großen jiddischen Schriftstellers und Wahl-New Yorkers Isaac Bashevis
Singer. Nach seinem Schulabschluß schreibt sich der junge Allen eigentlich
nur seinen Eltern zuliebe an der New York University im "Communications
Arts Course" ein. Dabei belegt er auch einen Filmkurs. Geholfen hat
es allerdings nicht, denn er hat nicht einmal das erste Trimester bewältigt.
Das einzige, was der damals 19jährige Allen aus seiner Uni-Zeit mitnahm,
war der Rat seines Dekans, es einmal mit Psychoanalyse zu versuchen. Dies
hat er bis heute kontinuierlich befolgt. Zumal sich auch aus der Psychoanalyse
hervorragende Gags ziehen lassen, wie viele Szenen in seinen Filmen belegen:
"Ich bin Psychiater und das ist meine Pfeife." Bis aber Woody
Allen die Klaviatur des Humors rauf und runter spielen konnte, bedurfte
es einer langen Lehrzeit in der Comedy-Branche.


Er versuchte sich als One-Liner-Zulieferer in den Diensten Edward E. Albers,
der immerhin Stars wie Bob Hope und Danny Kaye bediente, kam unter die Fittiche
von Agent Harvey Meltzer, der ihm eine Stelle im "Writer's Development
Program" des TV-Senders NBC vermittelte. Das war 1953 und Fernsehen
boomte ungeheuerlich. So wurde Allen schnell ein gefragt er Mann im Business,
zumal Unterhaltungs -Show die absoluten Renner waren. Ende 1953 heiratete
Allen die 16jährige Harlene Rosen in Hollywood. Doch der typischen
Frühehe war kein langes Glück beschieden.
Obwohl Allen als Gagschreiber für mehrere Shows schon finanziell abgesichert
war, ging die Ehe Ende der 50er in die Brüche. Allen spottete später
in einigen Gags über seine Frau, etwa: "Im Museum für Naturgeschichte
haben sie einen Schuh von meiner Frau gefunden. Damit konnten sie einen
Dinosaurier rekonstruieren." Seine Ex-Frau antwortete mit Gerichtsklagen.
Nach seiner Fernseh-Zeit avancierte Allen schnell zu einem gefragten Stand-Up-Comedian,
bald lockten gar das Theater und der Film erst mal in Form von Drehbüchern
-, und außerdem veröffentlichte er Kurzgeschichten. 1963 sah
ihn der Produzent Charles K. Feldman auf der Bühne. Feldman suchte
gerade jemanden, der das Komö- dienprojekt "Was gibt's Neues,
Pussy?" umschreiben sollte, und Allen schien der richtige Mann. Trotzdem
wurde Allens Drehbuch 1965 abgeändert. Dazu Allen: "Mein Originaldrehbuch
erzählte die Abenteuer eines psychotischen Gynäkologen und eines
litauischen Jockeys, die auf der Suche nach stabilen Werten waren -und das
in einer Welt, die von einer Invasion durch Popgruppen bedroht war, mit
Romy Schneider, Capucine, Paula Prentiss und Ursula Andress in der Rolle
des Quasimodo. Die Künstlervereinigung fand das Thema etwas zu avantgardistisch
und nahm deshalb einige subtile Veränderungen vor. Das jetztige Stück
handelt von einem Pariser Modeverleger und einem geilen Wiener Psychiater,
die auf der Suche nach Romy, Capucine, Paula, Ursula und einigen Entblätterten
sind - mit einer speziell für mich geschriebenen Rolle, die dazu dienen
sollte, dem Film einen sexuellen Anstrich zu verleihen."
Wie auch immer. Woody Allen
hatte seinen Fuß im Filmgeschäft, schrieb anschließend
einige Sequenzen für die James -Bond-Persiflage "Casino Royale"
(1967) und die Umarbeitung und Neusynchronisa- tion des japanischen Agenten-Streifens
"Kizino Kizo", die man dann - in Anlehnung an Allens erste Filmarbeit
- "What's Up, Tiger Lily?" nannte. Allen gestaltete den ernst
gemeinten Film derart um, daß nun der Held nach dem Rezept für
einen Eiersalat suchte. Allens Schaffensperioden als Regisseur spiegeln
sich in seinen jeweiligen Lebensabschnittspartnerinnen. Denn in seinem Regiedebüt,
der Gangsterfilm-Persiflage "Woody, der Unglücksrabe" (1969),
übernahm seine damalige Ehefrau Louise Lasser (Allens Frau von 66 bis
70) eine kleine Rolle. In der Flower-Power- und Revolutions-Persiflage "Bananas"
(1971) war ihr Part dann schon wesentlich größer, obwohl seinerzeit
die Scheidung schon juristisch besiegelt war.
Trotzdem stand Louise Lasser in dem durchgedrehten Episodenfilm "Was
sie schon immer überSex wissen wollten..." auch 1972 noch für
Allen vor der Kamera. Im gleichen Jahr folgte unter der Regie von Herbert
Ross mit "Mach's noch einmal Sam" Allens eigenwillige Hommage
an Humphrey Bogart. Allen übernahm auch die Hauptrolle. Hier spielt
er bereits an der Seite seiner nächsten Partnerin: Diane Keaton, die
bereits ein Jahr zuvor für den TV -Kurzfilm "Men of Crisis: The
Harvey Wallinger Story" mit Allen gearbeitet hatte. Sie spielte in
Allens futuristischer Slapstick-Vision "Der Schläfer" 1973),
in der "Krieg und Frieden"-Variante "Die letzte Nacht des
Boris Gruschenko" (1974) , in Allens wohl berühmtesten Streifen
"Der Stadtneurotiker" (1976), in der Ingmar-Bergman -Hommage "Innenleben"
(1978) und dem wunderbaren Schwarz-Weiß-Film "Manhattan"
(1979).


Das
Intermezzo zwischen Diane Keaton und Mia Farrow brachte mit "Stardust
Memories" (1980) einen der besten Allen-Filme hervor: Hier wechseln
sich Selbstreflexion, Melodram und Wortwitz gekonnt miteinander ab. Mit
der romantisch-witzigen Shakespeare-Variante "Eine Sommernachts-Sexkomödie"
begann 1982 die fruchtbare Zusammenarbeit mit Ehefrau Mia Farrow. Es folgten
die Pseudo- Dokumen- tation über den Persönlichkeitswandler "Zelig"
(1983), die Betrachtung der Kleinkunst- und Stand-Up- Comedians "Broadway
Danny Rose" (1984), die einfallsreiche Kino-Reflexion "The Purple
Rose Of Kairo" (1985), die Beziehungs- und Religions-Komödie "Hannah
und ihre Schwestern" (1986), "Radio Days" (1987) - eine wunderbare
Erinnerung an vergangene Radiozeiten, "September" (1987) - ein
weiteres Bergman-mäßiges Melodram, "Eine andere Frau"
(1988), die Episode "Ödipus ratlos" aus dem Film "New
Yorker Geschichten" (1989), "Verbrechenund andere Kleinigkeiten"
(1990), "Alice" (1990), die brilliante Stummfilm- und Surrealismus-Hommage
"Schatten und Nebel" (1992) und, als Fingerzeig auf das baldige
Ende der Ehe mit Mia Farrow, die in dokumentarischem Stil gehaltene Komödie
"Ehemänner und Ehefrauen" (1992). Nach der Trennung mit Mia
Farrow war es wieder Diane Keaton, die in Allen nächstem Film "Manhattan
Murder Mystery" (1993) die Hauptrolle übernahm. 1994 folgte eine
TV-Adaption seines Stückes "Don't Drink The Water" - hiervon
existierte auch eine Kinoversion von 1969 mit Woody Allen - und die Erinnerung
an vergangene Broadway-Tage "Bullets Over Broadway" als Mischung
aus Gangsterfilm, Theater und Komödie. Danach drehte Allen die Filme
"Geliebte Aphrodite" (1995), "Alle sagen: I Love You"
(1996), "Harry außer sich" (1997) und "Celebrity"
(1998). Darüber
hinaus spielte Allen die Hauptrolle in Martin Ritts Abrechnung mit der McCarthy
-Ära "Der Strohmann", mimte in Jean-Luc Godards "King
Lear" (1987) einen Narren - dieser Film war bislang nur einem kleinen
Publikum zugänglich, da ihn die Verleihfirma nach Streitigkeiten mit
Godard gestoppt hat -, Bette Midlers Ehemann in "Ein ganz normalerHochzeitstag"
(1991) von Paul Mazursky, an der Seite von Peter Falk in "Die Sonny
Boys" (1995) und schließlich die kleine Rolle eines Theater-Direktors
in "The Impostors" (1998). Es gibt mit zwei Dokumentarfilme über
und mit Woody Allen: "Meeting Woody Allen" (1986, Regie: Jean-Luc
Godard) und "Wild Man Blues" (1998), der Allen als ernstzunehmenden
Klarinettisten zeigt. Außerdem ist seine Stimme in zwei wei- teren
Filmen zu hören: In "Just Shoot Me" (1997) ist er in der
Episode "My Dinner With Woody" am and- eren Ende einer Telefonleitung
und in dem computer-animierten Streifen "Antz" (1998) lieh er
dem Haupt- charakter, der Ameise "Z", seine Stimme.
Eine
schwere Zeit machte Woody Allen 1992 durch. Denn just zu der Zeit, als sein
Film "Ehemänner und Ehefrauen" anlaufen sollte, kam es zur
Trennung zwischen Mia Farrow und Woody Allen, gefolgt von einer Klage Farrows,
Allen habe sich ihren Kindern sexuell genähert. Allen hatte tatsächlich
ein Verhältnis mit der gemeinsamen Adoptivtochter Soon Li, doch diese
war damals schon volljährig. Der Presserummel war natürlich mörderisch
und überlagerte den Filmstart. Für Woody Allen waren diese Erfahrungen
besonders unangenehm, da er es in all den Jahren als prominenter Filmschaffender
immer geschafft hatte, sein Privatleben vollkommen vor der Öffentlichkeit
abzuschotte n.
Durch den Skandal war er plötzlich in aller Munde und das bevorzugte
Ziel der Papparazzi. Woody und Soon-Yi heirateten 1997 in Venedig und haben
bereits zwei Kinder adoptiert. Woody Allen hat es als unabhängiger
Filmemacher über die Jahre stets geschaft mit dem "Mainstream-Geld"
aus Hollywood zu arbeiten, ohne sich von der Traumfabrik vereinnahmen zu
lassen. Woody Allen hat immer die vollkommene Kontrolle über einen
Woody-Allen-Film. Doch nach dieser Affäre verliert Allen einen Teil
seiner (vor allem weiblichen) Fangemeinde. Die daraus resultierenden, sinkenden
Besucherzahlen zwingen ihn dazu, Ende der 90er Jahre einen Film-Deal mit
Dreamworks abzuschliessen.
In 2002 tritt Woody bei der so lange von ihm ignorierten Oscar Verleihung
auf, um nach dem Anschlag vom 11.September 2001 ein Tribut an sein geliebtes
New York zu moderieren. Im gleichen Jahr verklagt Allen seine langjährige
Freundin, Geschäftspartnerin und Produzentin Jean
Doumanian wegen angeblich entgangener Einnahmen aus diversen
Filmen. Sinkende Zuschauerzahlen in den
USA sorgen dafür, daß für Anything Else und Hollywood
Ending keine Verleiher finden. Diese Filme kommen nicht in deutsche
Kinos.
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