Woody Allen macht sich viel über andere lustig, am meisten aber über sich selbst. Er macht seine eigenen Schwächen und Neurosen öffentlich, wobei er nicht ununterbrochen witzig ist. Häufig ist er hauptsächlich für die Zeit und ihr Publikum witzig, in der seine Arbeit entsteht. Kleine Katastrophen und Missgeschicke thematisieren die großen, Pannen und Sackgassen unserer Zeit werden deutlich. Seine selbstbewusste Komik bringt den Zuschauer sozusagen doppelt zum Lachen: Während man sich über den Versager amüsiert, schlägt man sich gleichzeitig auf dessen Seite. Woody Allen ist also Versager, Tollpatsch, Intellektueller und erfolgreiches Vorbild zugleich. Er vereinigt die wichtigsten guten und schlechten Eigenschaften in einer Person. Dadurch findet jeder Zuschauer auch ein Stück von sich selbst in Woody Allen wieder. Man identifiziert sich mit einer Figur, die moderne Ansichten und Verständnisse mit einem Augenzwinkern darlegt und gleichzeitig der Autor Allen persönlich zu sein scheint. Die Komik stammt dabei aus der witzigen Darstellung der Realität. Allen ist schon komisch, wenn er auftritt, wobei seine Wortgags häufig aus absurden Vergleichen oder Problemstellungen bestehen ("Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, werden sie einen Zwanziger wechseln können?"). Unterstützt werden seine Gags durch visuelle Komik. Seine Gedankenwitze beruhen auf Andeutungen nach parodistischem Muster, auf Sprüngen und Anspielungen. Ernst und Unernst werden gleichgesetzt und das Gefühl erzeugt, der Nonsens sei der einzig bedeutende "Normalzustand".

Woody Allens Figuren sind zwar erfolglos und ohnmächtig, aber sie sind intellektuell und anspruchsvoll. Seine Witze zielen auf ein Publikum, das mit ihm vertraut und auf ihn eingespielt ist: Sie (die Witze) sind intelligent, selbstironisch, sensibel, raffiniert und erotisch, dabei jedoch nie peinlich, weinerlich oder verbohrt.

Das Schöne ist neben dem Komischen ein sehr wichtiges Element in Woody Allens Filmen. Er macht Witze, um nicht zu grübeln. Macht er keine, grübelt er. Aus dieser "Grübelarbeit" entstehen die melancholisch-schönen Sequenzen seiner Filme. Er baut mit komischen Mitteln Probleme ab und mit schönen Mitteln baut er sie wieder auf. Dabei zielt er nun auf ein Publikum ab, das ebenso vertraut ist mit Woody Allen als Melancholiker, der seine ernsthaften Vorstellungen in eine ästhetische Form bringt. Durch komische Distanzierung macht er seine ernsthaften Fragen und Probleme konsumierbar.

Wie die anderen Themen, die Woody Allen beschäftigen, so steht auch das Thema "Frauen" unter der Überschrift "Es kann nur noch schlimmer kommen..."

Die Grundlagen zur Beschreibung seiner Frauenbilder setzen sich aus seinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zusammen, die er durch oft absurde Reduzierung dem Zuschauer erfolgreich näher bringt. Auf der Suche nach dem Ideal der Liebe geht sein Weg von der schmerzlichen Feststellung aus, dass die Frauen über ihn als Mann hinwegsehen und höchstens seine Kartentricks sehen wollen; dann über gescheiterte Ehen bis hin zu der Erkenntnis, dass man sich das Heiraten sowieso sparen kann. Völlig "glatte" Charaktere sind für ihn uninteressant, er liebt die komplizierten, labilen Frauen ohne Selbstvertrauen, die ebenso Schwierigkeiten haben mit dem Leben zurecht zu kommen und mit Schuldgefühlen belastet sind wie seine Männerfiguren. Bei Allen steht der Mensch mit all seinen Facetten stets im Mittelpunkt, das Menschliche als liebenswerte Eigenschaft. Bei ihm ist niemand perfekt oder gar eine Frau eine Superfrau. Seine Wesen sind jedoch in der Lage, dies vor sich und der Gesellschaft (oder dem Partner) einzugestehen und trotzdem zu lieben und geliebt zu werden. Obwohl, oder gerade weil sich die Auswahl der Hauptdarstellerinnen wohl im wesentlichen viele Jahre lang danach gerichtet hat, mit welcher Frau Allen gerade privat befreundet war, sind dies immer hervorragende Charakterdarstellerinnen. Seine Frauenfiguren sind meist unscheinbare, alltäglich wirkende Darstellungen in biederer Kleidung mit Aschenputtelwirkung und in mittelständischen Verhältnissen lebend. In inszenierten, romantischschönen Bildern lässt er in diesem Umfeld absurd wirkende, kleinbürgerliche Auseinandersetzungen stattfinden. Banalitäten werden überspitzt zu Grundsatzdiskussionen erhoben, wodurch deren Unsinnigkeit deutlich wird. Auf der anderen Seite werden abstrakte Themen wie zum Beispiel Liebe oder Leidenschaft auf liebevolle und naive Weise poetisiert. Woody Allens Frauen und Männer scheinen jeweils von vollständig unterschiedlichen Planeten zu kommen, mit einer verschiedenen Sprache, so dass schon allein dadurch eine Verständigung unmöglich erscheint. Übereinstimmungen finden nur in kurzen Momenten statt.

Die Stadt ist sein Lebensraum und nur da fühlt er sich wohl. Genauer gesagt in Manhatten, in einem kleinen Areal hinter dem Central Park. Woody Allen ist der wahre Stadtneurotiker, aufgewachsen in Brooklyn kann er sich nicht vorstellen, seine "Insel" auch nur für kurze Zeit zu verlassen (mit zunehmenden Alter tut er dies jedoch immer öfter, unter anderem, um zum Beispiel in Italien Werbespots für eine Supermarktkette zu drehen). Er braucht den Großstadtdschungel sowohl für sich selbst, als auch für seine Filme. Manhatten ist die Kulisse, vor der sich alles abspielt und ohne die das alles nicht denkbar wäre. Die großen Probleme wie Müll, Drogen, Gewalt usw. lässt Allen dabei jedoch aus dem Spiel. Er zeigt ein New York, wie es sich in seinen Wünschen präsentiert, aber auch tatsächlich existiert. Es ist die Welt der intellektuellen Mittelklasse, der Upper-East-Side-People, die die Nacht zum Tag machen. Oft schwenkt daher die Kamera auf die illuminierte Skyline von Manhatten, Allens Vorliebe für die nächtliche Stadt wird deutlich. Mit tiefgründigem Humor beobachtet und beschreibt er die kleinen Frustrationen des Alltags, die individuellen Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen - eine Darstellung des Lebens an sich. Er selbst präsentiert sich dabei häufig als leicht neurotischen Intellektuellen und notorischen Verlierer, sanftmütig und eigentlich nicht gerissen genug für den Überlebenskampf im Großstadtdschungel. Gerade dies macht ihn sympathisch. Woody Allen fühlt der Stadt auf den Zahn und was dabei herauskommt, liefert Material für unzählige Filme.

Woody Allen verfügt über eine feste Fangemeinde, die sich für die vor 35 Jahren gedrehten Filme ebenso begeistert, wie für seine neuesten Arbeiten. Das erscheint bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass eine ständige Entwicklung in Allens Filmen sichtbar ist, angefangen mit den ersten lauten, comicartigen Komödienknüllern bis hin zu sehr ernsthaften und reifen Filmen, in denen er seinem großen Vorbild Ingmar Bergmann nahezukommen versucht. Ein Grund für diese Akzeptanz liegt sicher in der Treue Woody Allens zu den Themen, die während seiner gesamten Regiearbeit von ihm nur minimal variiert wurden. Es geht ihm um die "großen Inhalte", die letzten Fragen, Liebe, Tod, Gott, der Sinn des Lebens. Nur das ist wichtig, "das andere ist Handwerk, über das man nicht zu reden braucht".

Die Existenz oder Nichtexistenz eines verantwortlichen Gottes beschäftigt Woody Allen durch sein gesamtes Werk. In dem Theaterstück "Gott" zum Beispiel dreht sich alles um diese Frage. Zum Schluss kommt Gott zwar, hat dabei aber einen Unfall und stirbt. "Es gibt nicht nur keinen Gott, sondern versuch mal am Wochenende einen Klempner zu kriegen".

Die Suche nach Gott ist immer auf irgendeine Art in Allens Filmen anwesend, ohne dass die dargestellten Personen religiös wären. Boris Gruschenko zweifelt an Gottes Existenz, solange dieser kein Zeichen gibt. Ein kleines Wunder, etwa "ein brennender Busch, wie sich das Meer vor mir teilt, wie mein Onkel eine Rechnung bezahlt" würde dem Glauben eine wesentlich verbesserte Rechtfertigungsgrundlage geben. Er bezweifelt auch, dass er, wie alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, weil das bedeutete, "dass Gott eine Brille tragen würde".

Das Thema "Tod" ist bei dieser Frage nach Gottes Existenz natürlicherweise integriert und Allen widmet sich diesem ausgiebig. Gott schickt häufig den Tod in Allens Filme, um die Probleme anzuheizen. In "Boris Gruschenko" taucht er als weißer Sensenmann auf. Boris gewinnt ihm trotz der Bedrohung auch positive Seiten ab: Es ist für ihn eine Möglichkeit, weniger Geld auszugeben. Im übrigen behauptet er: "Es gibt schlimmere Dinge als den Tod. Wer einmal einen Abend mit einem Versicherungsvertreter verbracht hat, weiß genau, was ich meine." - "Wie ist das, tot?" wird er an anderer Stelle gefragt. "Du kennst doch die Hühner in Tresky's Restaurant. Es ist schlimmer." Ganz so gelassen, wie es nach diesen Zitaten scheinen mag, ist das Verhältnis Allens zum Tod nicht. Gerade ihn, der in seinen Filmen sehr autobiografisch häufig einen Hypochonder spielt, lässt die Angst vor dem nicht wieder rückgängig zu machenden Ende nicht los. In "Sleeper" scheint er mit einem eingefrorenen und wieder aufgetauten Helden die Auferstehung zu proben. Alle nur möglichen Varianten des Sterbens tauchen in Allens Filmen auf: Durch Irrtum, wie bei "Boris Gruschenko", Herzschlag beim Liebesakt in der "Sommernachts-Sexkomödie" bis zum Mord in "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" . Zudem hat er auf seine späten Jahre die Liebe für die Kriminalkomödie entdeckt: "Manhatten Murder Mystery", "Bullets over Broadway" oder sein neuer Film "Schmalspurganoven" beschäftigen sich mit genau diesem Thema.

"Alle Bücher über Tod und Sterben gehören Dir" erklärt Annie Hall im "Stadtneurotiker", als sie Alvy (Allen) verlässt. Dieser bekennt: "Der Tod ist die große Obsession hinter allem, was ich gemacht habe".

Angesichts dieser ständigen Bewusstwerdung der Sterblichkeit rückt auch die Frage nach dem Sinn des Lebens in den Vordergrund. Immer wieder stellt Allen auch philosophische Fragen: "Natürlich ist alles psychisch" wie Leonard Zelig meint, "aber was ist mit der Berufung des Menschen? Sind die Menschen dazu bestimmt, sich, wenn sie essen, hin und wieder zu verschlucken? Vielleicht ist das alles Teil irgendeines unergründlichen, kosmischen Plans." Und in "Stardust Memories" erläutert Sandy Bates die Sinnfrage so: "Wenn Du nichts zu essen hast, wird das zu Deinem Hauptproblem. Aber was passiert, wenn Du in einer Wohlstandsgesellschaft lebst, wo Du Dich zum Glück nicht darum kümmern musst zu überleben und so tauchen ganz andere Probleme auf, zum Beispiel: Wie kann ich mich verlieben, oder warum werde ich älter und sterbe und welche Bedeutung hat mein Leben überhaupt?" Die existenziellen Fragen schlagen bei Allen mitunter haarscharf in den Alltag durch: "Gibt es eine Welt des Unsichtbaren? Und wie weit ist sie vom Stadtzentrum Manhattens entfernt?"

Ohne Psychoanalyse kommt Woody Allen nicht aus. Sein Verhältnis zu den Vertretern dieses Berufsstandes ist allerdings sehr zwiespältig. Der Erfolg ihrer Arbeit besteht meist in einer noch größeren Verwirrung des Patienten (Annie: "Meine Therapeutin meint, dieser Schritt sei sehr wichtig für mich." Alvy: "Ja, ich hatte von Anfang an Vertrauen zu ihr, weil mein Therapeut sie empfohlen hat." Und an anderer Stelle: Alvy: "Ich bezahl Annies Psychiater, sie macht Fortschritte und ich hab immer mehr Schwierigkeiten (...) Wenn ich das Wort "ungezwungen" schon höre, dann bin ich sofort völlig verklemmt."). Und viel Verstand traut Allen dem Psychiater sowieso nicht zu. Der Arzt, der in die Neigung eines Patienten zu einem Schaf heilend eingreifen soll, verliebt sich selbst in das Tier und ruiniert schließlich aus unglücklicher Liebe seine eigene Existenz ("Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten...").

"Manhatten" schließlich geht einen entscheidenden Schritt weiter: Zwar wiederholen sich Allens bissige Witze gegen die Psychiatrie in Sätzen wie "Schließlich hatte ich einen Orgasmus, aber mein Arzt sagte mir, es war der falsche." oder "Mein Analytiker warnte mich, aber Du warst so schön, dass ich mir einen anderen Analytiker nahm." - doch darin deutet sich bereits Kritik an der Bereitwilligkeit der Patienten an, die Allen später sein Film-Ego Isaac Davis wie folgt formulieren lässt: "Die Menschen in Manhatten schaffen sich dauernd selbst ihre Probleme, die sie davon abhalten, sich mit erschreckenderen, unlösbaren Problemen der Welt zu befassen." Woody Allen, der selbst seit 1959 zum Psychiater geht, hat inzwischen exzellente Fortschritte gemacht: Er braucht jetzt - wie er sagt - auf der Couch, auf der er allerdings immer noch nicht frei reden kann, kein "Sabberlätzchen" mehr.

Woody Allen hat wohl keinen Film gedreht, in dem Erotik und Sexualität nicht als Problem seiner Figuren mehr oder minder unmittelbar angesprochen werden. Gerade in seinem ersten Film "What's new, Pussycat?" geht es im Grunde ausschließlich darum, wer mit wem und unter welchen Bedingungen schläft. Der Psychiater Nikita erklärt, er wolle "die Abgründe der Seele ausloten" und besucht zu diesem Zweck ein Striptease-Lokal: "Hier gibt es massenhaft zu loten" kommentiert sein Patient, der Playboy Michael.

Für die frühen Filme Allens gilt der unerwartete Triumph Davids über Goliath als Vorbild für die Filmhelden und ihre Beziehungen zu Frauen. Denn zu den komischen Widersprüchen von Allens Filmen gehört die Diskrepanz zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Verweisen auf die eigene sexuelle Potenz. "Hast Du gelesen, dass in Oakland eine Frau vergewaltigt worden ist?" fragt Linda in "Play it again, Sam". Allen antwortet: "Ich war seit Jahren nicht mehr in Oakland." In "Boris Gruschenko" kommt es zur folgenden Szene: Boris hat überraschend und wohl eher unerwartet Erfolg bei einer Gräfin, dann kommt als "Potenz-Bescheinigung" von der eroberten Frau die Erklärung: "Du bist der größte Liebhaber, den ich je hatte!" - "Ich über auch fleißig, wenn ich allein bin" entgegnet Boris. In den späteren Filmen wird mit dem Thema weniger plakativ umgegangen, es spielt nur noch eine Rolle innerhalb der Beziehungen zu Frauen, dominiert diese aber nicht ausschließlich.

Auch hier zeigt sich wieder Allens eigene Skepsis und Ambivalenz gegenüber seinem Thema. Zwar tauchen immer wieder Verweise auf seinen jüdischen Hintergrund auf und werden problematisiert, zugleich aber macht er sich über die aus seiner Kindheit vertrauten jüdischen Sitten lustig. In "Woody, der Unglücksrabe" verwandelt sich der mit einem Serum geimpfte Strafgefangene Starkwell für mehrere Stunden in einen Rabbi und monologisiert in seiner Zelle, angetan mit allen Insignien orthodoxer Würde. In einer Fernsehsendung mit dem Titel "Der Perverse der Woche" lässt Allen einen Rabbi auftreten, der sich zu Seidenstrümpfen bekennt und an einen Stuhl gefesselt das ausgepeitschtwerden liebt, während seine Frau zu seinen Füßen Schweinekoteletts isst. "Manche Juden", sagt er als Gruschenko "sind ziemlich gescheit. Ich höre bloß, ihre Frauen wollen nach der Hochzeit nichts mehr von Sex wissen." In "Broadway Danny Rose" verlängert ihm die Zugehörigkeit zum Judentum das Leben. Andererseits, "wäre ich nicht in Brooklyn geboren", sinniert Sandy Bates in "Stardust Memories", "sondern in Polen oder Berlin, dann wäre ich heute ein Lampenschirm." Es ist nie unbedingt ein Vorteil für Allen, Jude zu sein.

Manche Gestalten Allens verbringen ihre gesamte Zeit im Kino. Kino und Leben spiegeln sich in einem durchaus positiven Sinne, was am deutlichsten in "Purple Rose of Cairo" problematisiert wird. Kino und Leben verschmelzen, als der Hauptdarsteller aus dem gezeigten Film aus diesem aussteigt, davonläuft und in das reale Leben einer Zuschauerin eingreift. Kino ist das liebste Großstadtkind Allens und in seinen Filmen demonstriert er regelmäßig seine Passion für das Kino und den Stellenwert, den bestimmte Filme für ihn haben. Konträr dazu steht die offen gezeigte Verachtung für das Fernsehen als Inkarnation der Unmoral: "In Hollywood", sagt Alvy im "Stadtneurotiker", "werfen sie ihre Abfälle nicht weg, sie machen Fernsehproduktionen daraus."

In einer bestimmten Zeit und für ein bestimmtes Milieu ist der Filmregisseur Woody Allen einer der einflussreichsten Künstler gewesen. Ja, ungefähr so werden es die Kulturhistoriker in 100 Jahren ihren Studenten erklären. Eine Doktorarbeit wird den Titel tragen: Woody Allen und die europäischen Intellektuellen des späten 20. Jahrhunderts. In ihr wird wahrscheinlich der Satz stehen: "Um das Jahr 2000 herum ließ Allens Einfluss auf das europäische Denken allmählich nach."

Seine Fans und die Kritiker waren der Ansicht, seine Filme seien schwächer geworden. Aber vielleicht stimmte das nicht, vielleicht hatten sie sich selbst verändert. Vielleicht war die Zeit inzwischen reif für einen härteren, zynischeren Humor. In Deutschland hieß die komische Leitfigur der Intellektuellen jetzt Harald Schmidt. Woody Allen war plötzlich altmodisch geworden. Aber wieso?

Ein Philosophieprofessor hat einen längeren Essay über Allen verfasst, über seine Art der Komik und die geistige Haltung, die sich dahinter erkennen lässt. Vittorio Hösle, Jahrgang 1960, lehrt in den USA. Die ernsten Filme Allens vernachlässigt er. Sein Buch war fällig, denn Allen-Biografien gibt es genug, darunter eine sehr gute von Eric Lax. Jetzt möchte man eine Woody-Allen-Theorie haben, und Professor Hösle erfüllt dieses Bedürfnis auf klassische Weise. Sein Text ist in einen allgemein humortheoretischen Teil (Schopenhauer! Bergson! Freud!), einen spezifischen Allen-Teil und einen filmanalytischen Teil säuberlich gegliedert, am Ende steht, wie es sich gehört, die zusammenfassende Conclusio, alles furchteinflößend akademisch geschrieben, im allertrockensten Proseminar-Sound. Wer über Komik schreibt, sollte nicht versuchen, selbst amüsant zu sein, und Vittorio Hösle beherzigt diese Regel so gründlich, dass es fast ein wenig übertrieben wirkt.

Komische Helden sind unter der Schminke ein bisschen traurig

Hösles Stil funktioniert ungefähr so: "Das impliziert erstens, dass die Theorie der Unangemessenheit mit den anderen Theorien kompatibel ist, da sie verschiedene Seiten der Problematik behandeln; und es ist zweitens offenkundig, dass allein die Theorie der Unangemessenheit die Grundlage einer normativen Theorie des Komischen sein kann." Es handelt sich, anders gesagt, um die Sorte von Text, über die Woody Allen sich gern lustig macht. Denn Allen, schreibt Hösle, ist ein antiintellektueller Intellektueller. Die eigene Intellektualität empfindet er keineswegs als befreiend, sondern als Ursache seiner Schwierigkeiten.

In fast allen seiner Filme und Geschichten tauchen Akademiker und andere kluge Menschen auf, Therapeuten zum Beispiel, aber fast immer als negative Figuren. Sie sind geschwätzig. Sie geben an. Sie sind arrogant und dreschen leere Phrasen. In Wirklichkeit aber, so lehrt Allen, sind das Leben und seine Probleme banal, mit den Theorien der Intellektuellen hat das wahre Leben nichts zu tun.

In den Filmen verachten die Akademiker meistens Woody, die Kunstfigur, die Allen unter verschiedenen Namen auftauchen lässt und selbst spielt. Woody aber stellt, im Gegensatz zu den Intellektuellen, die richtigen Fragen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Beispiel. Woodys Ernst, sein Enthusiasmus und seine Begeisterungsfähigkeit für die Kunst, die Philosophie und die Liebe unterscheiden ihn von den geschwätzigen und selbstverliebten Intellektuellen.

Die Zuschauer lachen gleichzeitig mit Woody Allen und über ihn, ähnlich wie es bei Chaplin oder den Marx Brothers gewesen ist. Die meisten komischen Helden sind Verlierer, kindlich, naiv, unter ihrer Schminke ein bisschen traurig - das Klischee vom Clown, der weint. Woody aber ist nicht nur traurig, er ist auch demütig. Ein Fan. In einer berühmten Szene von Manhattan steht Woody in einer Warteschlange, die Leute vor ihm lästern über angeblich überschätzte Künstler, darunter Ingmar Bergman, den Regisseur, den Allen besonders bewundert. Den Hochmut verachtet er. Sie können nichts oder wenig, die Intellektuellen, aber sie maßen sich zu allem eine Meinung an. Sie haben keinen Respekt. Sie glauben nur an sich, nicht an die Kunst oder an Werte.

Als wiederkehrende Grundmotive Allens nennt Hösle die Krise des Monotheismus, die sexuelle Revolution und die Nostalgie. Allens Figur, Woody, gehört in eine Zeit, in der die Moderne anfängt, ihren Optimismus und ihre Selbstgerechtigkeit zu verlieren. Sie beginnt, sich selbst unheimlich zu werden.

In den Kreisen, in denen Allen und sein Woody sich bewegen, ist der Atheismus zur herrschenden Haltung geworden. Bei Allen ist die Abwesenheit Gottes ein Problem, keine Befreiung. In seinen Filmen lebt man in der Stadt, man hat meistens Geld und fühlt sich meist unwohl, die Familien sind zerrüttet, stets ist man heftig mit der Suche nach Sexualpartnern und nach Therapie beschäftigt. Hösle nennt diese Haltung "neurotischen Romantizismus". Denn Woody will sich mit der herrschenden Leere nicht abfinden, er sucht nach einer Ethik und findet sie nicht. Daraus speist sich seine Verzweiflung. In Deutschland heißt der Nachfolger von Woody Allen vielleicht Christoph Schlingensief. Auch Schlingensief ist aus Verzweiflung sarkastisch. Aber komisch ist er nicht.

In der Vergangenheit, bei den geistigen Ahnen, hat Hösle den Griechen Aristophanes gefunden. Aristophanes lebte in einer Zeit, in der der Glaube an die polytheistische Götterwelt der Antike zerfiel. Die Tonlage seiner philosophischen Komödien klingt ein bisschen nach Woody Allen. Auch Allens Komödien sind mitunter offen philosophisch, sie haben dann ziemlich sperrige Themen - die Suche nach Identität (Zelig), das Verhältnis zwischen Kunst und Moral (Bullets over Broadway) oder zwischen Wirklichkeit und Kunst (The Purple Rose of Cairo).

Hösle erwähnt, dass Allen ein bestenfalls mittelmäßiger Schauspieler ist, dass seine Scherze häufig Kalauer sind und deshalb ein hohes Tempo brauchen, damit sie nicht peinlich wirken. Allen hat auch Mittelmaß produziert, ein Genie ist er nicht, aber ein Idol war er lange, für viele ist er es immer noch. Auch Woody Allens Erfolg beruht darauf, dass er mit dem Zeitgeist übereinstimmt. Was hat sich geändert? Die einen sagen, der alte Optimismus der Moderne sei wieder da, es werden wieder aufregende Erfindungen gemacht, das Genom ist entschlüsselt, der Kalte Krieg ist vorbei, es geht voran. Wenn sie Recht haben, ist Woody, der Fortschrittspessimist, eine anachronistische Figur geworden, und die Zukunft gehört nostalgiefreien Komikern, den harten Jungs wie Stefan Raab. Die anderen behaupten, dass alles viel schlimmer geworden sei, die Sinnkrise noch totaler, der Himmel noch leerer, die Moral noch kaputter. Dann wäre der sanfte Woody nicht radikal genug. Wer ist sein Nachfolger? In zehn Jahren wissen wir mehr.