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Woody Allen macht sich viel über andere lustig, am meisten aber über sich selbst. Er macht seine eigenen Schwächen und Neurosen öffentlich, wobei er nicht ununterbrochen witzig ist. Häufig ist er hauptsächlich für die Zeit und ihr Publikum witzig, in der seine Arbeit entsteht. Kleine Katastrophen und Missgeschicke thematisieren die großen, Pannen und Sackgassen unserer Zeit werden deutlich. Seine selbstbewusste Komik bringt den Zuschauer sozusagen doppelt zum Lachen: Während man sich über den Versager amüsiert, schlägt man sich gleichzeitig auf dessen Seite. Woody Allen ist also Versager, Tollpatsch, Intellektueller und erfolgreiches Vorbild zugleich. Er vereinigt die wichtigsten guten und schlechten Eigenschaften in einer Person. Dadurch findet jeder Zuschauer auch ein Stück von sich selbst in Woody Allen wieder. Man identifiziert sich mit einer Woody Allens Figuren sind zwar erfolglos und ohnmächtig, aber sie sind intellektuell und anspruchsvoll. Seine Witze zielen auf ein Publikum, das mit ihm vertraut und auf ihn eingespielt ist: Sie (die Witze) sind intelligent, selbstironisch, sensibel, raffiniert und erotisch, dabei jedoch nie peinlich, weinerlich oder verbohrt. Das Schöne ist neben dem Komischen ein sehr wichtiges Element in Woody Allens Filmen. Er macht Witze, um nicht zu grübeln. Macht er keine, grübelt er. Aus dieser "Grübelarbeit" entstehen die melancholisch-schönen Sequenzen seiner Filme. Er baut mit komischen Mitteln Probleme ab und mit schönen Mitteln baut er sie wieder auf. Dabei zielt er nun auf ein Publikum ab, das ebenso vertraut ist mit Woody Allen als Melancholiker, der seine ernsthaften Vorstellungen in eine ästhetische Form bringt. Durch komische Distanzierung macht er seine ernsthaften Fragen und Probleme konsumierbar. Wie die anderen Themen, die Woody Allen beschäftigen, so steht auch das Thema "Frauen" unter der Die Grundlagen zur Beschreibung seiner Frauenbilder setzen sich aus seinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zusammen, die er durch oft absurde Reduzierung dem Zuschauer erfolgreich näher bringt. Auf der Suche nach dem Ideal der Liebe geht sein Weg von der schmerzlichen Feststellung aus, dass die Frauen über ihn als Mann hinwegsehen und höchstens seine Kartentricks sehen wollen; dann über gescheiterte Ehen bis hin zu der Erkenntnis, dass man sich das Heiraten sowieso sparen kann. Völlig "glatte" Charaktere sind für ihn uninteressant, er liebt die komplizierten, labilen Frauen ohne Selbstvertrauen, die ebenso Schwierigkeiten haben mit dem Leben zurecht zu kommen und mit Schuldgefühlen belastet sind wie seine Männerfiguren. Bei Allen steht der Mensch mit all seinen Facetten stets im Mittelpunkt, das Menschliche als liebenswerte Eigenschaft. Bei ihm ist niemand perfekt oder gar eine Frau eine Superfrau. Seine Wesen sind jedoch in der Lage, dies vor sich und der Gesellschaft (oder dem Partner) einzugestehen und trotzdem zu lieben und geliebt zu werden. Obwohl, oder gerade weil sich die Auswahl der Hauptdarstellerinnen wohl im wesentlichen viele Jahre lang danach gerichtet hat, mit welcher Frau Allen gerade privat befreundet war, sind dies immer hervorragende Charakterdarstellerinnen. Seine Frauenfiguren sind meist unscheinbare, alltäglich wirkende Darstellungen in biederer Kleidung mit Aschenputtelwirkung und in mittelständischen Verhältnissen lebend. In inszenierten, romantischschönen Bildern lässt er in diesem Umfeld absurd wirkende, kleinbürgerliche Auseinandersetzungen stattfinden. Banalitäten werden überspitzt zu Grundsatzdiskussionen erhoben, wodurch deren Unsinnigkeit deutlich wird. Auf der anderen Seite werden abstrakte Themen wie zum Beispiel Liebe oder Leidenschaft auf liebevolle und naive Weise poetisiert. Woody Allens Frauen und Männer scheinen jeweils von vollständig unterschiedlichen Planeten zu kommen, mit einer verschiedenen Sprache, so dass schon allein dadurch eine Verständigung unmöglich erscheint. Übereinstimmungen finden nur in kurzen Momenten statt.
Woody Allen verfügt über eine feste Fangemeinde, die sich für die vor 35 Jahren gedrehten Filme ebenso begeistert, wie für seine neuesten Arbeiten. Das erscheint bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass eine ständige Entwicklung in Allens Filmen sichtbar ist, angefangen mit den ersten lauten, comicartigen Komödienknüllern bis hin zu sehr ernsthaften und reifen Filmen, in denen er seinem großen Vorbild Ingmar Bergmann nahezukommen versucht. Ein Grund für diese Akzeptanz liegt sicher in der Treue Woody Allens zu den Themen, die während seiner gesamten Regiearbeit von ihm nur minimal variiert wurden. Es geht ihm um die "großen Inhalte", die letzten Fragen, Liebe, Tod, Gott, der Sinn des Lebens. Nur das ist wichtig, "das andere ist Handwerk, über das man nicht zu reden braucht".
Die Existenz oder Nichtexistenz eines verantwortlichen Gottes beschäftigt Woody Allen durch sein gesamtes Werk. In dem Theaterstück "Gott" zum Beispiel dreht sich alles um diese Frage. Zum Schluss kommt Gott zwar, hat dabei aber einen Unfall und stirbt. "Es gibt nicht nur ke Die Suche nach Gott ist immer auf irgendeine Art in Allens Filmen anwesend, ohne dass die dargestellten Personen religiös wären. Boris Gruschenko zweifelt an Gottes Existenz, solange dieser kein Zeichen gibt. Ein kleines Wunder, etwa "ein brennender Busch, wie sich das Meer vor mir teilt, wie mein Onkel eine Rechnung bezahlt" würde dem Glauben eine wesentlich verbesserte Rechtfertigungsgrundlage geben. Er bezweifelt auch, dass er, wie alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, weil das bedeutete, "dass Gott eine Brille tragen würde". Das Thema "Tod" ist bei dieser Frage nach Gottes Existenz natürlicherweise integriert und Allen widmet sich diesem ausgiebig. Gott schickt häufig den Tod in Allens Filme, um die Probleme anzuheizen. In "Boris Gruschenko" taucht er als weißer Sensenmann auf. Boris gewinnt ihm trotz der Bedrohung auch positive Seiten ab: Es ist für ihn eine Möglichkeit, weniger Geld auszugeben. Im übrigen behauptet er: "Es gibt schlimmere Dinge als den Tod. Wer einmal einen Abend mit einem Versicherungsvertreter verbracht hat, weiß genau, was ich meine." - "Wie ist das, tot?" wird er an anderer Stelle gefragt. "Du kennst doch die Hühner in Tresky's Restaurant. Es ist schlimmer." Ganz so gelassen, wie es nach diesen Zitaten scheinen mag, ist das Verhältnis Allens zum Tod nicht. Gerade ihn, der in seinen Filmen sehr autobiografisch häufig einen Hypochonder spielt, lässt die Angst vor dem nicht wieder rückgängig zu machenden Ende nicht los. In "Sleeper" scheint er mit einem eingefrorenen und wieder aufgetauten Helden die Auferstehung zu proben. Alle nur möglichen Varianten des Sterbens tauchen in Allens Filmen auf: Durch Irrtum, wie bei "Boris Gruschenko", Herzschlag beim Liebesakt in der "Sommernachts-Sexkomödie" bis zum Mord in "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" . Zudem hat er auf seine späten Jahre die Liebe für die Kriminalkomödie entdeckt: "Manhatten Murder Mystery", "Bullets over Broadway" oder sein neuer Film "Schmalspurganoven" beschäftigen sich mit genau diesem Thema. "Alle Bücher über Tod und Sterben gehören Dir" erklärt Annie Hall im "Stadtneurotiker", als sie Alvy (Allen) verlässt. Dieser bekennt: "Der Tod ist die große Obsession hinter allem, was ich gemacht habe". Angesichts dieser ständigen Bewusstwerdung der Sterblichkeit rückt auch die Frage nach dem Sinn des Lebens in den Vordergrund. Immer wieder stellt Allen auch philosophische Fragen: "Natürlich ist alles psychisch" wie Leonard Zelig meint, "aber was ist mit der Berufung des Menschen? Sind die Menschen dazu bestimmt, sich, wenn sie essen, hin und wieder zu verschlucken? Ohne Psychoanalyse kommt Woody Allen nicht aus. Sein Verhältnis zu den Vertretern dieses Berufsstandes ist allerdings sehr zwiespältig. Der Erfolg ihrer Arbeit besteht meist in einer noch größeren Verwirrung des Patienten (Annie: "Meine Therapeutin meint, dieser Schritt sei sehr wichtig für mich." Alvy: "Ja, ich hatte von Anfang an Vertrauen zu ihr, weil mein Therapeut sie empfohlen hat." Und an anderer Stelle: Alvy: "Ich bezahl Annies Psychiater, sie macht Fortschritte und ich hab immer mehr Schwierigkeiten (...) Wenn ich das Wort "ungezwungen" schon höre, dann bin ich sofort völlig verklemmt."). Und viel Verstand traut Allen dem Psychiater sowieso nicht zu. Der Arzt, der in die Neigung eines Patienten zu einem Schaf heilend eingreifen soll, verliebt sich selbst in das Tier und ruiniert schließlich aus unglücklicher Liebe seine eigene Existenz ("Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten..."). "Manhatten" schließlich geht einen entscheidenden Schritt weiter: Zwar wiederholen sich Allens bissige Witze gegen die Psychiatrie in Sätzen wie "Schließlich hatte ich einen Orgasmus, aber mein Arzt sagte mir, es war der falsche." oder "Mein Analytiker warnte mich, aber Du warst so schön, dass ich mir einen anderen Analytiker nahm." - doch darin deutet sich bereits Kritik an der Bereitwilligkeit der Patienten an, die Allen später sein Film-Ego Isaac Davis wie folgt formulieren lässt: "Die Menschen in Manhatten schaffen sich dauernd selbst ihre Probleme, die sie davon abhalten, sich mit erschreckenderen, unlösbaren Problemen der Welt zu befassen." Woody Allen, der selbst seit 1959 zum Psychiater geht, hat inzwischen exzellente Fortschritte gemacht: Er braucht jetzt - wie er sagt - auf der Couch, auf der er allerdings immer noch nicht frei reden kann, kein "Sabberlätzchen" mehr. Woody Allen hat wohl keinen Film gedreht, in dem Erotik und Sexualität nicht als Problem seiner Figuren mehr oder minder unmittelbar angesprochen werden. Gerade in seinem ersten Film "What's new, Pussycat?" geht es im Grunde ausschließlich darum, wer mit wem und unter welchen Bedingungen schläft. Der Psychiater Nikita erklärt, er wolle "die Abgründe der Seele ausloten" und besucht zu diesem Zweck ein Striptease-Lokal: "Hier gibt es massenhaft zu loten" kommentiert sein Patient, der Playboy Michael. Für die frühen Filme Allens gilt der unerwartete Triumph Davids über Goliath als Vorbild für die Filmhelden und ihre Beziehungen zu Frauen. Denn zu den komischen Widersprüchen von Allens Filmen gehört die Diskrepanz zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Verweisen auf die eigene sexuelle Potenz. "Hast Du gelesen, dass in Oakland eine Frau vergewaltigt worden ist?" fragt Linda in "Play it again, Sam". Allen antwortet: "Ich war seit Jahren nicht mehr in Oakland." In "Boris Gruschenko" kommt es zur folgenden Szene: Boris hat überraschend und wohl eher unerwartet Erfolg bei einer Gräfin, dann kommt als "Potenz-Bescheinigung" von der eroberten Frau die Erklärung: "Du bist der größte Liebhaber, den ich je hatte!" - "Ich über auch fleißig, wenn ich allein bin" entgegnet Boris. In den späteren Filmen wird mit dem Thema weniger plakativ umgegangen, es spielt nur noch eine Rolle innerhalb der Beziehungen zu Frauen, dominiert diese aber nicht ausschließlich. Auch hier zeigt sich wieder Allens eigene Skepsis und Ambivalenz gegenüber seinem Thema. Manche Gestalten Allens verbringen ihre gesamte Zeit im Kino. Kino und Leben spiegeln sich in einem durchaus positiven Sinne, was am deutlichsten in "Purple Rose of Cairo" problematisiert wird. Kino und Leben verschmelzen, als der Hauptdarsteller aus dem gezeigten Film aus diesem aussteigt, davonläuft und in das reale Leben einer Zuschauerin eingreift. Kino ist das liebste Großstadtkind Allens und in seinen Filmen demonstriert er regelmäßig seine Passion für das Kino und den Stellenwert, den bestimmte Filme für ihn haben. Konträr dazu steht die offen gezeigte Verachtung für das Fernsehen als Inkarnation der Unmoral: "In Hollywood", sagt Alvy im "Stadtneurotiker", "werfen sie ihre Abfälle nicht weg, sie machen Fernsehproduktionen daraus." In einer bestimmten Zeit und für ein bestimmtes Milieu ist der Filmregisseur Woody Allen einer der einflussreichsten Künstler gewesen. Ja, ungefähr so werden es die Kulturhistoriker in 100 Jahren ihren Studenten erklären. Eine Doktorarbeit wird den Titel tragen: Woody Allen und die europäischen Intellektuellen des späten 20. Jahrhunderts. In ihr wird wahrscheinlich der Satz stehen: "Um das Jahr 2000 herum ließ Allens Einfluss auf das europäische Denken allmählich nach."
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