Woodys Welt
(Comic)-Neurosen aus New York

"Also gut ­ was macht das Leben lebenswert? Groucho Marx, Willie Mays, der zweite Satz der Jupiter Symphonie, Louis Armstrong, die Aufnahme von Potatohead Blues, schwedische Filme, die 'Erziehung des Herzens' von Flaubert, Marlon Brando, Frank Sinatra, die unglaublichen Äpfel und Birnen von Cézanne, die Hummerkrabben bei Sam Wo, Traceys Gesicht..." (aus: "Manhattan")

Die Aufzählung aus seinem berühmtesten Film erscheint willkürlich, doch tatsächlich bringt Woody Allen seine Welt hier auf den Punkt. Es ist eine Uptown-Manhattan-Welt, die zwischen Galerien und Museen, zwischen Literatur, Essengehen und Kinobesuchen versucht, die eigene Midlife-Crisis in den Griff zu bekommen; und das möglichst mit dem Humor der Marx Brothers und der Tiefe eines Ingmar Bergman.

Let's have lunch!

"Ich hasse die Wirklichkeit, aber sie ist der einzige Ort, an dem man ein anständiges Steak bekomt..." (Woody Allen)

Der Restaurantbesuch ist zentrales Thema in Woody Allens Filmen. Ihn selbst kann man in einigen Restaurants antreffen, die durch seine Filme berühmt geworden sind: im "Russian Tea Room", im Theatre District, wo Allens Karriere mehr oder weniger begonnen hat und wo sich die Film- und Theaterszene trifft. Im "Elaine's", in der 2nd Avenue, Nr 1703 beginnt "Manhattan" und auch in "Celebrity" ist es Drehort. Nicht von ungefähr, denn es zählt zu Allens Lieblingsrestaurants. Im "Tavern-on-the Green", in der 67. Straße, genießt man den Ausblick auf den Central Park. Allen drehte hier für seinen Film "Verbrechen und andere Kleinigkeiten". In der 7th Avenue befindet sich das zur Zeit berühmteste Deli, das "Carnegie". Dort hat Allen oft gefrühstückt und dort ließ er seine Komikerrunde die Geschichte vom "Broadway Danny Rose" erzählen. Seitdem wird das "Danny Rose Special Sandwich" serviert: gepfefferte und gepökelte Rinderbrust auf Weißbrot.

Analyze it!

"... Sie gehen zu einem Therapeuten? ­ Aber erst seit 15 Jahren ­ Fünfzehn Jahren? ­ Hmja, ich geb ihm jetzt noch ein Jahr und dann pilger ich nach Lourdes ..." (aus: "Der Stadtneurotiker")

In New York, so scheint es, hat jeder, der es sich leisten kann, seinen Analytiker. In Woody Allens Filmen gehen jedenfalls alle ständig zum Analytiker, bekommen trotzdem Probleme im Bett und geraten in die Krise. Dr. Marvin Lifschitz hat seine Praxis am Central Park. Er ist davon überzeugt, dass die Ängste und Probleme eines Künstlers in das Werk einfließen. "Sigmund Freud", sagt er, "spricht von 'zwanghafter Wiederholung' und meint damit, dass man immer wieder Dinge duchspielt, die man im Leben nicht verarbeitet hat. Allen dekliniert immer dieselben Probleme durch ... Auf der einen Seite macht er sich lustig über die Psychoanalyse. Auf der anderen Seite benutzt er sie als eine Art Kontrollsystem. Und ich habe das Gefühl, dass er die Analyse wirklich braucht und nutzt."

Jewish life

"Merkst du nicht, wie der Rest des Landes nach New York stiert, als wären wir alle linksradikalkommunistischjüdischhomosexuelle Pornographen? ... dass das Land nicht bereit ist, sich hinter die Stadt New York zu stellen, ist nichts als Antisemitismus..."(aus: "Der Stadtneurotiker")

Der Satz ist pure Ironie. Über den Verfolgungswahn amerikanischer Juden kann sich nur lustig machen, wer wie Woody Allen im jüdischen Teil Brooklyns groß geworden ist. Sein Verhältnis zu den Brüdern im Glauben ist nicht ungetrübt. "Ich war nicht am Judentum interessiert", sagt Woody Allen. "Es bedeutete mir einfach nichts. Weder schämte ich mich dessen, noch war ich stolz darauf. Ich machte mir etwas aus Baseball und Filmen." Viele Juden mögen Allens Witz nicht, vor allem die orthodoxen Juden. Dr. Lester Friedman, der sich intensiv mit jüdischen Klischees in amerikanischen Filmen und Juden in der amerikanischen Filmindustrie beschäftigt hat, meint: "Woody Allen würde zum Beispiel sagen, 'die entscheidende philosophische Frage ist: 'Gibt es einen Himmel, und wie hoch sind da die Parkgebühren?' Auf der einen Seite also das Heilige und die wichtigen Fragen und auf der anderen Seite konfrontiert er das mit der Alltagswelt. Das ist ein sehr typischer jüdischer Humor, der von den jüdischen Komikern über die amerikanischen Juden direkt zu Woody Allen führt."

Play it again!

"Als ich ein Kind war, hörte man die berühmte Popmusik von Benny Goodman." (Woody Allen)

Woody Allen hasst Rockmusik und liebt Jazz. Damit ist er in New York, einer Stadt, die sich brüstet, die Jazz-Hauptstadt der Welt zu sein, gut aufgehoben. Allens montägliche Session mit dem "New Orleans Funeral and Ragtime Orchestra" in "Michael's Pub" war für lange Jahre ein festes Ritual, für das er sogar einmal die Oscar-Verleihung ausfallen ließ. Heute tritt er im "Carlyle Hotel Restaurant" auf. Auch in seinen Filmen macht Allen kein Geheimnis daraus, dass ihn die Musik nach 1945 wenig interessiert. Sie sind gespickt mit Swing-Klassikern und Melodien von George Gershwin und Cole Porter. Mit "Sweet and Lowdown" hat er sich einen alten Traum erfüllt und einen Jazz-Film gedreht: die fiktive Biographie des "zweitbesten Gitarristen nach Django Reinhardt".

Schreib das auf!

"Sie sind also eine ... Newyorker jüdisch linksliberal intellektuell Central Park West Brandeis University äh... O Gott, ich liebe es, zu einem kulturellen Stereotyp reduziert zu werden." (aus: "Der Stadtneurotiker")

Die Hauptfiguren in "Celebrity", in "Manhattan" in "Harry außer sich" verwechseln das Leben mit Literatur und umgekehrt. Und so sind die Orte des Kennenlernens, der Begegnung bei Allen selten die Party oder gar Disco, sondern das Museum of Modern Art oder die kleinen Galerien und Ateliers in SoHo. Und auch eine Gegenwelt gibt es, die Allen als Gagschreiber aus nächster Nähe kennengelernt hat, das Fernsehen. Mit seiner Kritik am Medium - Verblödung der Massen - hält er nicht hinterm Berg, auch wenn er selbst einmal zu den Großverdienern unter den TV-Autoren gehörte.

Locations

"Ich kann mir vorstellen, dass in einigen Jahren die Leute den einzig wirklichen Wert meiner Filme in den Schauplätzen sehen." (Woody Allen)

Nahezu alle seine Filme spielen in New York. Aber es ist nicht ganz New York. Es ist noch nicht einmal ganz Manhattan. Es ist eine Gesellschaft, die sich in der Upper East Side, der Upper West Side und in Brooklyn Hights bewegt und die nur gelegentlich Ausflüge nach Staten Island oder ins "Hinterland" unternimmt. Neben den Restaurants und Clubs gehören dazu auch Locations in und um Chelsea und Greenwich Village.

New York ist für Woody Allen die schnellste Stadt der Welt und die schönste: "1941 kam ich mit meinem Vater zum ersten Mal in die Stadt und verliebte mich in dem Moment, als ich aus der U-Bahn auf den Time Square trat ... Ich war einfach überwältigt." Bis heute hat er das Staunen über die Stadt nicht verlernt - über ihren Rhythmus, ihre Architektur und ihre Menschen.